Steinbruch-Musik
Das Poesiealbum meines Vaters
weitergeschrieben von Franz Schuberl jun.
Diese Gedichte schrieb mein Vater, inspiriert durch Gedichte meines Opas
In der Fremde hat Papa zu schreiben
begonnen. Als Einleitung hat er in sein Album geschrieben: "Schon öfters habe
ich den Entschluss gefasst, ein Buch anzulegen, in dem ich meine Erlebnisse und
Gedanken niederschreibe, wo ich alles, was ich sehe und mir am Herzen liegt,
durch die Feder anderen überbringe." Nach seiner Verwundung ging er oft in die
Pfarrbücherei in Aicha v.W. "Bei Hochw. Herrn Pfarrer Bergmann kamen die Bücher
an den Mann. Mir hat er einige empfohlen und ich habe manch schwere Stunde in
Lyrik zugebracht."
Wir haben oft geschmunzelt, wenn er in einer Familienfeier auf einmal ein frisch
entworfenes Gedicht zum besten gab, das großartig anfing und sich am Schluss
nicht mehr reimte. Das musste es ja gar nicht, weil er oft vor Rührung nicht zu
Ende lesen konnte.
Er hat seine Verse manchmal in Ruhe umgearbeitet, so gibt es immer wieder
unterschiedliche Versionen. Ich habe so viele Gedichte wie möglich
zusammengetragen, Gedichte aus dem ersten Album, aus dem Lazarett, Gedichte auf
Wirtshausservietten, auf Speisekarten, Bierfilzln und auf Geschäftsrechnungen.
Es sind viele kleine Kostbarkeiten darunter, Bruchstücke, die ganz besondere
Stimmungen wiedergeben. Wenn er etwa erzählt, dass die heimgekehrten Glocken die
alten Feste und Tränen nicht vergessen haben, oder seine schmerzlichen
Kriegserinnerungen, besinnliche Naturbeschreibungen, Proteste gegen die
Umweltbedrohung und gegen die unzufriedenen und falschen Menschen, ausgelassene
Spottgedichte, resignierende Altersgedichte, sein Lob auf die kleinen
Gemeinschaften, seine Kommentare zur Politik.
Ich bin sein ältester Sohn und habe viele Anlässe zu seinen Aufzeichnungen in
eigener Erinnerung, z.B. die erste Christmette im Rohbau seiner Nammeringer
Kirche oder die Steinbruch-Erlebnisse. Ich habe mir erlaubt und ich bitte meine
Geschwister um Verzeihung, dass ich seine meist unfertigen Gedichte so einfach
wie möglich ergänzt und weitergeschrieben habe. Die Originale sind sorgfältig
aufbewahrt.
Ich habe mir viel Zeit genommen, die Zeilen immer wieder zu korrigieren, strenge
Versmaße einzuhalten, was er in seinen Spontangedichten natürlich nicht konnte.
Ich habe seine Verse weitergeschrieben und versuchte auf jeder Seite, seine
Idee, sein feines Gespür, die jeweilige Stimmung festzuhalten. Meine Gedichte
sollen unseren Papa würdigen mit seinen großen Vorzügen und liebenswerten
Schwächen.
Eging am See, 30. November 2003
Franz Schuberl jun.
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Der Kroißbauer von
Unternammering im Bayrischen Wald hat seiner 33 jährigen Tochter Maria zur
Hochzeit am 17.11.1919 fünf Tagwerk Grund als Mitgift gegeben. Sie heiratete den
26 jährigen Steinhauer Josef Schuberl, der seit seinem 6. oder 7. Lebensjahr mit
seinen Zieheltern nach Nammering gekommen war. Dessen Mutter Karolina Schuberl
hatte den Buben in der Fremde ledig geboren und in Nammering 2 Jahre später
einen Max Ratzer geheiratet. Ihre Schwester Maria, verheiratet mit Ludwig Luger,
hatte keine Kinder und hat den Josef aufgezogen. Die Zieheltern halfen dem Paar,
das Haus mit Krämerei und kleinem Stall rechts an der Dorfstraße zu bauen. Josef
war aus dem Weltkrieg zurückgekehrt und ging so eifrig ans Werk, dass er den
Kelleraushub übertrieb und einen Teil wieder zuschütten musste.
Am 31.1.1922 ist Papa dort als ihr zweites Kind geboren worden. Eine Schwester
war vor ihm. Warum er "Franz" getauft wurde, geht auf seinen Taufpaten Franz
Endl zurück. Der sagte zu seinem Freund Josef Schuberl, den ersten nennen wir
Franz, den nächsten kannst du ja Josef nennen. Als die beiden nach der Taufe in
Aicha mit dem Kind zurückkamen, schlug die Wöchnerin die Hände zusammen und
sagte, dann muss er wenigstens Franz von Assisi heißen, weil sie Mitglied im
Dritten Orden war. Nach ihm kamen noch vier Schwestern aber kein Bruder mehr.
Er ging in die Volksschule nach Fürstenstein. "Unser Schulweg führte über den
Hochstein, vorbei an vielen Steinbrüchen." Bevor die Schulkinder im
Fürstensteiner Kloster ankamen waren sie schon über eine Stunde unterwegs und
das bei schlechtem Schuhwerk. Barfußlaufen vom frühen Auswärts bis zum späten
Herbst war aber die Regel. Im Winter gingen die Kinder bei Dunkelheit fort und
kamen bei Dunkelheit erst wieder heim, müde, hungrig und verfroren.
JUGEND, KRIEG UND
VERWUNDUNG
Papa war von 1935 bis 1939 Lehrling und Steinhauer
in Nammering bei Fa.Rieger u. Seil, Schafreuth. Sein Lehrmeister war sein Vater
Josef Schuberl. "Es war ein großer Schotterbetrieb und über 100 Steinhauer
machten Groß- und Kleinpflastersteine. In den zwei Gruben waren viele
Tagelöhner, weil es noch keinen Bagger oder Lader gab. Eine Diesellok holte die
Rollwagen aus der Grube zum Brecherwerk. Preßluft wurde in der Grube verwendet
zum Bohren und Spalten. Aber die Steinhauer arbeiteten noch ohne Pressluft mit
Prellmaßel, Hammer, Schretter und Spitzeisen. Das war keine leichte Arbeit, weil
man auch die großen Steine heben und mit der Hand stürzen musste."
"Das erste Jahr musste ich zusätzlich in unserer kleinen Landwirtschaft arbeiten
und im Gemischtwarenladen Waren verkaufen: Lebensmittel, Kurzwaren, Stoffe,
Eisenwaren, Holzschuhe, landwirtschaftliches Werkzeug, Petroleum und Karbid."
1939, also mit 17 Jahren, wurde er mit sechs seiner Schulkameraden
dienstverpflichtet. Wehmütig nahm er Abschied vor seiner ersten großen Reise. Er
kam in die Lüneburger Heide, nach Verden an der Aller (Niedersachsen), Baustelle
Dörverden (Munitionswerkbau), von dort nach Celle (Schutzmauerbau für
Erdölbehälter), dann nach Munsterlager (Munitionstransport u. Herstellung).
Zuletzt Herstellung von Giftgasen (Gelbkreuz), Munitionsverladen und -stapeln in
Bunkern "bis zum Überdruß."
An den Sonntagen gingen sie an die Weser zum Baden oder in die Heide zum
Wandern. "Jeder Brief aus der Heimat machte mir mehr Freude als die Vergnügungen
in der Fremde."
Er fuhr mit seinen Kameraden einmal nach Hamburg, um eine Großstadt kennen zu
lernen. Sie sahen im Hafen gerade das Schlachtschiff Bismarck ausfahren, das
später von den Engländern versenkt wurde. "Nach dieser Dreitagesfahrt war ich so
müde, dass ich bei einem Fliegerangriff, wo neben uns die Fliegerabwehr schoß,
nicht einmal wach wurde."
Die Heimat hält dich fest Jetzt wo ich in der Fremde bin und Fahnen sind gehisst, ziehts mich zu fernen Bergen hin, wo meine Heimat ist. Dort wo die Wälder dicht und lang sich über Hügel ziehn, da können Reh und Auerhahn vor ihren Feinden fliehn. Wo meine Jugend Glück mir gab auf Wiesen und im Wald, dort wo ein Bächlein rauscht herab kein Kampfesruf erschallt. Dort wo am Hang ein harter Schlag vom Steinbruch her erklingt, in dem ich mir mit Müh und Plag mein erstes Brot verdient: Dort hin zieht es mich mächtig, dort muß ich wieder hin, wo die Natur so prächtig und gute Menschen sind. 1940
In der Lüneburger Heide Zu den Bergen ziehts mich wieder, wo die liebe Heimat ist. Viele Züge gehn vorüber und mein Blick von Ferne grüßt. Das Flachland kann ich nicht mehr sehn, ich fühl mich Mutterseel-allein. Wenn ich schon muß für immer gehn will ich daheim begraben sein.
.
"Am 2.Oktober 1941 bestieg
ich in Munsterlager den Zug, der mich aus dem Flachland wieder hinausbrachte.
Ich sah noch einmal die Heide blühen und in langen Reihen die Bunker, an denen
wir gearbeitet hatten."
Am 3.Oktober 1941 ist Papa
zur Wehrmacht einberufen worden. Einen Tag durfte er noch nach Hause, um sich zu
verabschieden.
"Dann fuhr ich mit dem Zug nach Passau und von dort aus weiter über Budweis nach
Neuhaus in Böhmen in die Westkaserne 98. Infantriedivision, Btl. 342 SMG. Dort
erhielten wir die Grundausbildung für schwere Maschinengewehre." "Dort
verbrachte ich in froher Kameradschaft Wochen, die ich in schöner Erinnerung in
mir trage." Zwischenzeitlich machte er in Regensburg die LKW-Fahrer-Ausbildung
über 3 Wochen
Nachtwache in Böhmen Fern der Heimat und ganz einsam Stehet ein Soldat auf Wacht. Still ist alles, nichts bewegt sich, Schwarz spannt sich die weite Nacht. Dem Soldaten seine Augen Tauchen in das Dunkel ein Und vertieft in den Gedanken Sieht er in ein Kämmerlein. Wo du in den Kissen schlummerst Mit geschlossnen Äugelein. Gerne wollt er bei dir weilen, Lieb und zärtlich zu dir sein. Doch dazwischen stehen Berge, Alles ist nur schöner Traum. Daß er sich erfüllen werde, Darauf will ganz fest ich baun. (Der Soldat, der so im Stillen Einsam wacht und an dich denkt, Ist dein Franzl, der dich lieb hat Und ein Wiedersehn ersehnt.)
Weihnachten in der Kaserne Die Türn und Fenster sind geschlossen vorm kalten Wind, der draußen weht. Das Licht der Lampen ist erloschen. Ein Christbaum in der Mitte steht. Die vielen Kerzen hellauf brennen. Es wird hier drin auf einmal still. Auch wenn wir sonst kein Heimweh kennen, die Träne rinnt, wenn man nicht will. Der Heilige Abend senkt sich nieder, wo werden meine Eltern sein? Die Kameraden singen Lieder und trösten sich bei Kerzenschein. Da hallt es feierlich und rührend: "Steh ich in finstrer Mitternacht" für einen, der da draußen frierend, für den Soldat, der einsam wacht. Neuhaus in Böhmen, 24.12.1941
"Die Wochen vor dem Kriegseinsatz verbrachten wir in
Würzburg. Dort hat mich meine Schwester Maria besucht. Wir haben das
Hochwasser noch gesehen, das von der Schneeschmelze kam. In der letzten
Märzwoche 1942 zogen wir mit Musik zum Verladebahnhof. Von überall her
grüßten uns freundliche Gesichter, herzliebe Mädchen und angstvolle Mütter.
Sie riefen uns nach "auf ein Wiedersehen" und als der Zug anfing zu fahren
dachten wir an unser vergangenes Glück. Bei Frühlingssonne fuhren wir durch
die deutschen Gaue über Breslau nach Warschau, Polen, in die weiten
Schlachtfelder Rußlands. Über Smolensk kamen wir nach Roßlawel. Dort
verbrachten wir eine Nacht im GPU Lager. Dann ging es weiter mit Postbussen
bis nahe der Stellungen, zwischen Kaluga und Juchno."
In Rußland
Machtlos wie auf Wellenwogen
treibt das Schicksal dich umher,
wie ein sturmumkämpftes Schifflein,
das verschlingen will das Meer.
Tapfer folgst du deinem Auftrag,
wirst verschickt nach Nord und Ost
an die wechselhaften Fronten.
Von der Heimat kommt kein Trost.
Mußt gehorsam weiter fahren,
kennst nicht mehr dein eignes Ziel.
Und von deinen Kameraden
einer nach dem andern fiel.
Uferlos dehnt sich die Weite,
ohne Ruder treibt dein Kahn.
Gäbst du deinem Herzen nach,
dann fändest du wohl deine Bahn.
Papa musste am Karfreitag 1942 in Stellung gehen:
Brückenkopf Pawilowo an der Ugra, ca. 150 km vor Moskau. Er wurde bereits 8
Tage später, am 9.April 1942 durch einen überraschenden Volltreffer einer
21er Artillerie-Granate schwer verwundet: Amputation des rechten
Unterschenkels und Durchschuss am linken Knöchel. Sein engster Freund
Dotzauer und ein weiterer Kamerad wurden tödlich getroffen. "Es waren nur
wenige Tage, die ich an der Front war, aber da habe ich gesehen, was Krieg
ist."
Papa ist nach seiner Verwundung auf den Knien zum
Schutzbunker zurückgekrochen. Nach fünf Tagen Hauptverbandsplatz hat ihn der
jetzige Pfarrer von Fürstenstein Andreas Wagner, der dort als
Feldgeistlicher im Einsatz war, ins Feldlazarett in der Schule Roßlawel
gefahren. "Das waren meine härtesten Tage." 14 Tage später Transport nach
Piala-Podlaska bei Preßlitow an der polnischen Grenze. Da bekam er Fieber
und Schmerzen. "Von dort kam ich ins August-Bier-Krankenhaus in
Litzmannstadt (Lodtz), wo ich nach zwei Wochen meine Gesundung wieder
erreichte. Ein polnischer Chefarzt u. ein volksdeutscher Arzt sowie eine
Krankenschwester aus Nürnberg haben dabei sehr geholfen." Im Oktober 1942
brachte ihn seine Schwester Maria ins Heimatlazarett St. Valentin, Passau,
Domplatz. Von dort durfte er oft nach Hause. Schließlich wurde er noch ins
Meierhof-Lazarett verlegt.
Im Lazarett Noch nie hab ich solch Leid gesehen, so viele Wunden offen stehen. Ein Jammer ist das Lazarett, voll junger Männer, Bett an Bett. Nun bist auch du bei diesen vielen, die Tag und Nacht im Bette wühlen, weil ihnen dies und das nicht paßt, - weil du so große Sehnsucht hast. Die guten Schwestern helfen jedem, so bald wie möglich zu genesen, vom heimatlichen Frühling träumen, den Lazarettzug nicht versäumen.
Erster Ausgang mit Krücken Unverhoffte Freude ist wie ein Sonnenschein, der aus ganz trüben Wolken ins Dickicht fällt hinein. Zerdrückte fast ein Blümlein, das sich im Laub entfacht. Entdeckte dann das Vöglein, das schlummert bis zur Nacht. Auf einmal kommt ein Seufzer aus deiner engen Brust. Es ist wie eine Nachricht, daß du noch hoffen mußt.
"Auf Wiedersehn" "Wiedersehn" ist nur ein Wörtchen, doch es steckt viel Sehnsucht drin. Es vergehn noch viele Wochen, bis ich bei den Liebsten bin. Andre müssen lange warten, trauernd durch das Leben gehn, schweren Herzens hoffen, harren, auf ein ewiges Wiedersehn.
Heldengrab
In einer endlosen Reihe liegst du begraben jetzt, unter einem trocknen Hügel, den keine Träne benetzt. Doch in der Heimat da fehlt nun dein Herz. Sie vermissen dich sehr und deinen jugendlichen Scherz. 1942
Keine Nachricht von der Front
Wo du dein Glück gefunden,
dort ist dein liebster Platz.
Du pflücktest dort die Blumen
und gabst sie deinem Schatz.
Dort trillerte ein Vöglein
bis in die späte Nacht,
als dich das Glück umschlungen
mit seiner ganzen Macht.
Das war ein kurzer Sommer.
Froh lächelte dein Mund.
Dann sang der Vogel anders:
Er sang zur Abschiedstund.
Von ferne rief die Trommel
den Liebsten in den Krieg.
Er wird ja wiederkommen.
Versprochen ist der Sieg.
Ein Jahr lang wartest du schon
und meidest alle Leut.
Geh hin zu deinem Plätzchen,
das dich so oft gefreut.
Dort ist es noch wie früher.
Noch singt das Vögelein.
Singt von dem Land da droben.
Dort wird dein Liebster sein.
Das Jahr 1943 geht zu Ende
Die Tage werden immer trüber,
die Sommerwärme ist vorbei.
Nur dunkle Wolken ziehn herüber,
sie senken sich so schwer wie Blei.
Der Frost fährt schmerzlich in die Glieder
und Nebel macht die Augen blind.
Verstummt sind bald der Vögel Lieder,
auf kahlen Äckern weht der Wind.
Der Winter macht die weißen Betten
zum langen Schlaf für Feld und Tier.
Bis sie ein neuer Frühling wecken
und Licht vergönnen wird auch mir.
Sein späterer Schwager Josef Meier
hat durch eine Verwundung das Augenlicht verloren.
Heimatlazarett
Hier im buschumsäumten Garten
auf dem Rasen und der Bank,
unter freiem Himmel warten
viele Krieger matt und krank,
freuen sich der warmen Sonne,
denken an verlorne Zeit.
Lahm und blind führt sie die Nonne
hinters Tor der Tapferkeit.
Nach seiner Genesung besuchte Papa
in Passau 1943/1944 Abendkurse für Steno und Schreibmaschine und begann die
Umschulung bei der Fa. Kühbacher, heute Spar, Passau. Er wohnte in der
Großen Klingergasse 17b, Gasthaus August Dorner.
"Am 10.Juli 1944 verstarb plötzlich mein Vater an Herzschlag morgens beim
Kühfutter-Mähen auf der Wiese, wo heute das Haus von Meier Richard steht."
Ein Wegkreuz erinnert daran: "Wanderer stehe still. Beachte dein letztes
Ziel. Gesund ging ich aus, tot brachten sie mich nach Haus."
"Am 18.August 1944 verstarb meine Schwester Leni im Krankenhaus Hutthurm
nach einem durchgebrochenen Blinddarm. Daraufhin ging ich von Passau weg u.
führte das Geschäft zuhause weiter."
Alle warten auf den Frieden
Alles bangt und wartet voll Angst
Ohne Freude und Liebe bleibt die Zeit stehn.
keiner freut sich an der Sonne
und an dem blühenden Flieder im Garten.
ich geh achtlos vorüber
KZ-Zug am Nammeringer Bahnhof
1945
Während der KZ-Zug in Nammering stand hat Papa in Geheimschrift (Steno)
diese Gedanken hingeschrieben.
Schwer und langsam wälzt sich die Zeit
und ungewiß wartet auf uns die Zukunft.
Fünf Jahre sind schon vergangen und immer noch
sieht man kein Ende des Krieges.
Blickt man zurück auf die ersten Jahre,
wo dem Volk schon Wunden gerissen wurden,
so erinnert man sich doch nur an Siegesfreude
und Zuversicht auf ein baldiges Ende.
Es hat sich Deutschland wirklich Großes geleistet,
zu groß war der Siegestaumel der Regierung,
durchseucht von falschen Anschauungen
gegen die Menschlichkeit und gegen Gott.
Mehr und mehr kam an die Ohren der Bevölkerung
das Austreiben der Juden in Konzentrationslager,
zum größten Teil schuldlose Menschen,
die sie mißhandelten und töteten.
Maßloses Entsetzen erfüllt die Leute über diese Greuel.
Andere dagegen sehen dem scheußlichen Spiel
mit Genugtuung zu, solche die ihren Gottesglauben
dem Glauben an ein tausendjähriges Reich preisgegeben haben.
Vom 16.4.1945 bis zum 20.4.1945
hat sich die Familie Schuberl einen Bunker im Wald gebaut.
Am 19.April 1945 kam ein KZ-Zug mit 54 Waggons in Nammering an. Es war kalt,
Schneeregen fiel in die offenen Waggons. Es waren KZ-Häftlinge aus
Buchenwald, die nach Dachau transportiert werden sollten. Bei einem
Zugunglück in Witzmannsberg war aber eine gepanzerte Lock entgleist. Deshalb
mußte der Zug angehalten werden. Der Bahnhof in Nammering eignete sich, weil
es wegen der Steinindustrie genügend Nebengleise gab.
Es wurden schon 250 Tote in einem Waggon mitgebracht. In der ersten Nacht
wurde in Nammering ein ganzer Waggon von 45 Häftlingen erschossen. Am
nächsten Morgen sah man das Blut durch die Bretter fließen. Tag und Nacht
ging das Morden weiter. Die Bauern der Umgebung mußten ihre Fuhrwerke zur
Verfügung stellen, um die Toten in einen nahen Steinbruch zu fahren, wo ein
Teil von ihnen verbrannt wurde.
Immer wieder versuchten Gefangene, zu fliehen. Tag und Nacht waren Schüsse
zu hören. Viele wurden aus reiner Willkür erschossen, wenn sie sich etwa um
ein Grasbüschel bückten oder zu langsam arbeiteten beim Verladen der toten
Kameraden. Insgesamt wurden in Nammering 524 Gefangene getötet.
Unser Papa schlug dem Pfarrer Bergmann im Beichtstuhl vor, er würde mit
seinem Motorrad hinter die Frontlinie fahren und den Amerikanern erklären,
daß die Nammeringer an diesem Massaker nicht beteiligt sind. So große Angst
hatte man vor einer Vergeltung. Der Pfarrer hielt ihn davon ab und sagte, er
würde am Sonntag bei der Messe die Bevölkerung auffordern, Lebensmittel zu
sammeln. Bis Sonntag mittag waren schon an die 160 Zentner Kartoffeln,
mehrere hundert Pfund Brot, warmer Kaffee und nahrhafte Suppen gebracht
worden. Ein großer Teil davon kam nicht den Gefangenen zugute, sondern den
Wachmannschaften. Diese hatten keine Eile, die Nahrung an alle zu verteilen.
Die Nammeringer zeigten ihren Unmut, vor allem Feichtinger Sepp tat sich
hervor, bis ihnen von den SS-Leuten mit den Gewehren gedroht wurde.
Nach 5 Tagen, am 24.April 1945, konnte der Zug weiterfahren. Die restlichen
Toten warf man an einer steilen Böschung über den Bahndamm und verscharrte
sie in einer sumpfigen Wiese.
Versteck im Wald
Durch der Heimat stille Wälder
und geborgen von der Nacht
leuchten uns die guten Sterne.
Und der Mond hält treue Wacht
über unsrer kleinen Habe,
die uns hier zu Füßen liegt.
Aus dem Haus wir mußten fliehen
weil um uns ist Mord und Krieg.
Durchs Geäst fällt bleicher Schimmer
jetzt auf unser Nachtquartier.
Dauernd bricht die tiefe Stille
ein Geschütz nicht weit von hier.
Näher rückt des Krieges Schauer,
färbt den Heimathimmel rot.
Auf dem Felde ist kein Bauer,
denn am Himmel surrt der Tod.
Große Angst ist jetzt in allen,
wir verhalten uns ganz still.
Dieser Teufel tobt noch immer,
der nur die Vernichtung will.
So verhetzt ist deutsche Jugend
und verdorben ist ihr Sinn,
daß sie keine Liebe kennen,
denken nicht an Neubeginn.
Die, die noch vernünftig bleiben
müssen schweigen in der Not,
sonst ereilt in letzter Stunde
hinterhältig sie der Tod.
Doch am Morgen Knospen springen
und die Blüten leuchten drauf.
Die Natur bricht ihre Fesseln,
Terror hält die Zeit nicht auf.
Auch der Krieg muß einmal enden,
Frühling kündigt Frieden an.
Und dem blüht ein neues Leben,
der gerecht die Pflicht getan.
1945
"Am 29.April 1945 verließen
mehrere SS-Einheiten in Panik unsere Gegend. Vormittags um 11 Uhr rückten
die ersten amerikanischen Panzer in die Dörfer ein."
Papa berichtet von einem "Waldleben" vom 25.-30.4.1945 aus Angst vor den
Amerikanern. Am 29.April konnte man vom Wald aus die Beschießung
Oberpollings beobachten. Österreichische Reservisten und Landwehrmänner
hatten den Auftrag, das Dorf zu verteidigen. 14 Häuser brannten. Der
damalige Pfarrer Alois Haberl stellte sich in vollem Ornat und mit der
Monstranz auf einen US-Panzer und fuhr durch Oberpolling, den Kämpfern zum
Zeichen, daß sie aufhören sollten. "Durch Trümmer und Rauch stieg der
Pfarrer von Fürstenstein, um den Toten und Verwundeten letzten Trost zu
geben." (Schüleraufsatz eines Oberpollingers) Der Pfarrer ist nicht lange
danach an Herzinfarkt gestorben.
Am 12.Mai 1945 wurde von den amerikanischen Soldaten das Massengrab in
Nammering entdeckt. Sie ordneten die Exhumierung an. Hierzu wurden Männer
der nahen Orte und auch deutsche Soldaten aus dem Gefangenenlager Tittling
zu dem abgelegenen Waldgelände beordert. "Nun war die Witterung extrem heiß
für die Jahreszeit. Mit bloßen Händen mußten wir eben dann im Schlamm
herumwühlen, bis wir wieder auf einen Körper, auf eine Leiche stießen" sagte
ein späterer Zeuge. Die Amerikaner ordneten eine Besichtigung des
Massengrabes am 16.Mai 1945 durch die ganze Bevölkerung an - bei
Todesstrafe. Dieser Tag ist noch vielen Nammeringern in schrecklicher
Erinnerung. Dann wurden die Leichen eingesargt und mit Ochsenfuhrwerken in
Gräberfeldern in Eging, Fürstenstein, Nammering, Renholding und Aicha
beigesetzt. Dabei mußten auch Frauen beim Schaufeln mithelfen.
40 Jahre später beantragte das Friedensforum Fürstenstein unter Leitung von
Hans Hübl die Errichtung eines Gedenksteins für die damaligen Opfer. Als die
politischen und kirchlichen Behörden das verhindern wollten, war es Papa,
der energisch und wortgewaltig die Aufstellung des Mahnmals forderte und
spontan den Granitblock dafür spendete.
Nach dem Krieg
Der Frühling zog mit Glanz vorüber,
doch keiner sah dem Schwärmen nach.
Das Gras wächst über welke Blumen,
noch viele Äcker liegen brach.
Uns drücken schlimmer noch die Sorgen.
Wir grämen uns noch immer fort.
Das Land durchzog ein Kampfgetümmel
mit Brand und Bomben, Haß und Mord.
Als vor Jahren brach der Friede
rief man zum gerechten Krieg,
zogen wir mit Stolz ins Felde,
holten wirklich Sieg auf Sieg.
Brüder kämpften gegen Brüder,
weil ihr Blut ganz aufgewühlt.
Und sie hörten nicht die Stimme,
die den Schmerz des andern fühlt.
Frühling, Sommer, Herbst und Winter
reichten fünfmal sich die Hand.
Hingemäht wie reife Ähren
starben sie fürs Vaterland.
Mütter weinen um die Söhne,
weil ein Brief den Tod gesteht.
Andre bangen voller Wehmut,
wie es wohl dem Letzten geht.
Angesichts der Katastrophe
wissen wir voll Bitterkeit,
daß umsonst war all das Bluten
und der Kummer und das Leid.
Denn die uns ins Unglück stürzten
waren nicht des Blutes wert,
das umsonst für sie geflossen.
Viele sind nun kriegsversehrt.
Freiheit stand in der Parole,
Freiheit, Freude, Glanz und Glück.
Zwang und Knechtschaft war das Ende,
elend kamen wir zurück.
Mit Angst erwarten wir die Sieger.
Wir heben hoch die bloßen Händ,
sind ausgeliefert neuen Mächten,
und hoffen auf ein gutes End.
ZWEITER TEIL
GLÜCK UND LEID DER ERSTEN EHEJAHRE
Die junge Gärtnerin
Im Garten eine Rose blüht
voll Schönheit und voll Liebe.
Ein Duft entströmt dem Blütenkelch
aus dunkelrotem Triebe.
Ein jeder, der vorüberzieht
bleibt vor ihr freudig stehn.
Wann hat man schon ein Mädchen
in solchem Schmuck gesehn?
Ein jeder wäre glücklich dann,
wenn er sie könnte pflücken.
Doch nur den ewig treuen Mann
will diese Ros' beglücken.
Den Schwur, den schwersten muß
er unbedingt erfüllen:
Daß er noch liebt, wenn sie verwelkt!
Das wird die Treu' enthüllen.
Papa hatte sich ins Kaiser Luiserl
verliebt aber sie hat seine Werbung abgelehnt.
Mein Rosengarten
Wenn ich an Liebe denke,
denk ich an Dich zurück,
Weil ich in Dir stets sehe
ein mir verborgnes Glück.
Mit Deinen hellen Augen
gabst Du mir heimlich Mut.
Und bei dem ersten Anblick
Schon war mein Herz Dir gut.
In meinem Rosengarten
Sollst Du mir immer blühn,
Als meine eine Rose,
inmitten Dornengrün.
Dein Franzl.
Für Anni
Wir haben uns wieder gefunden,
uns blüht ein neues Glück.
Wir bleiben uns treu verbunden,
das Vergangene liegt weit zurück.
Und sollt uns das Schicksal schlagen,
so dulden wir es zu zweit.
Denn wenn zwei Herzen es tragen,
erdrücken nicht Kummer und Leid.
Am 17.November 1945 heiratete er
in der Pfarrkirche Aicha v.W. Anna Meier aus Mötzling.
Geburt Franz (1946)
Voll Freude schauen wir es an,
was aus unsrem Eheglück entstand,
was durch unsere junge Liebe
den Weg herab zu uns fand.
Ein Büblein ist es, so klein.
O Gott, laß es bei uns glücklich sein.
Das erste Kind Franz starb wenige
Tage nach der Geburt.
Es ist im Friedhof Aicha v.W. begraben.
Heimkehr der Glocken nach Aicha
Durch der Heimat bange Stille
dringt jetzt wieder Glockenklang.
Von der Oh bis zu der Leiten
hören wir den Lobgesang
unsrer heimgekehrten Glocken,
die als Waffenerz versandt
und geschmolzen werden sollten
droben an der Wasserkant.
Heimlig tönt das traut Geläute
hoch vom Turm auf uns herab.
Horch, es weiß noch unsre Feste
und die Tränen vor dem Grab.
1946
Die Predigt von Pfarrer Deindl
Voll Freude seh ich ihn vor mir.
Sanft sprudelt seine Kehle.
Er trägt in sich den größten Schatz,
Gesund an Leib und Seele.
Aus seinen Augen spricht das Herz,
Der Mund bewegt sich warm.
Die Worte, die er sagt, sind echt
Und er nimmt mich am Arm:
"Du sollst zuerst, bevor du sprichst,
Die rechten Sätze finden.
Auch wenn es einmal hart sein muß,
Es kann auch dann gut klingen."
Er füllt den Kirchenraum mit Schall,
Daß es zu Tränen rührt.
Er predigt wie mit Orgelkraft,
Die zum Gebet uns führt.
Ein jeder, der ergriffen, trägt
Hinaus sein gutes Wort.
So wirkt es nicht nur hier bei uns;
Es währet fort und fort.
8.7.1948
AUFBAU VON NAMMERING
"1947 gründete ich die Notschule
Nammering und begann im gleichen Jahr auf eigene Rechnung mit Zuschüssen des
Staates, des Bezirks und des Landkreises das Schulhaus zu bauen."
Schulchronik S.83: "Franz Schuberl wurde nicht müde, unternahm viele
Fahrten, richtete Bitten und Schreiben an die zuständigen Behörden, um alle
von der Not und Dringlichkeit zu überzeugen und die Beschleunigung des Baus
voranzutreiben. Mit großer Begeisterung ging die gesamte Bevölkerung ans
Werk und schon am 22.September 1949 konnte das Richtfest mit großer Freude
gefeiert werden." In der Passauer Neuen Presse stand: "Ein stolzes Werk
menschlicher Willenskraft. Regierungsrat Stocker bewunderte die geleistete
Arbeit und gestand, daß er, als ihm Schuberl 1947 einen Plan vorlegte, der
weit über 100 000 Mark ging, selbst nicht an die Verwirklichung geglaubt
hatte. Der Vorstand des Bauausschusses Schuberl dankte den Einwohnern der
Ortschaften Nammering, Fälsching und Stolzing für das ihm entgegengebrachte
Vertrauen, für die großzügige Unterstützung bei der Beschaffung des
Baumaterials und für die vielen freiwillig geleisteten Arbeitsstunden. Er
sprach den Dank an die Regierung und an jene Persönlichkeiten aus, die den
Bau förderten und unterstützten, ferner dankte er dem Baumeister Sigl und
dem Zimmerermeister Weinzierl sowie allen am Bau beschäftigten Arbeitern.
Daran schloß er die Bitte an die Stellen der Regierung um weitere
finanzielle Unterstützung, damit wenigstens vorläufig noch zwei Schulsäle
ausgebaut werden können." Der Bau des Schulhauses ging außen und innen zügig
voran, so daß bereits ein Jahr später am 19.Dezember 1950 die feierliche
Einweihung stattfinden konnte. Im Januar 1951 begann der Unterricht in der
neuen Schule.
Im Keller des Schulhauses entstand eine weitere kulturelle Neuheit,
öffentliche Wannenbäder, die jeden Samstag Nachmittag zur Verfügung standen.
In einem freien Kellerraum daneben war die Notkirche. In bleibender
Erinnerung ist den älteren Leuten noch eine Christmette, bei der die Kerzen
schön langsam erloschen sind wegen Sauerstoffmangel. Die Besucher verließen
schleunigst den Keller. Bis dahin waren die kirchlichen Veranstaltungen in
der Bauernstube beim Traxinger abgehalten worden. Eine kleine Glocke am Dach
rief die Nammeringer zu Messe und Andacht. Heute befindet sich diese Glocke
auf dem Leichenhaus.
Im Krankenhaus 19.6.1949
Schlaflos zog die Nacht vorüber,
obwohl ich müde bin.
Der Zeiger geht einfach nicht weiter
im kahlen Zimmer drin.
Wenn man krank bei Kranken liegt
und sieht im fernen Fenster
ein einzigs Bild, das trübt sich bald:
Da schaun herein Gespenster.
19.6.49
Im Krankenhaus Sonntag, 19.8.1949
Heut hatt ich viel Besuch
wegen Schulhaus-Baugesuch.
Krank - da ist die Sorg am trübsten.
Doch nun klopften meine Liebsten.
Und das meiste Glück mir machte
mein kleiner Franzi, der schon lachte,
als er kam zur Tür herein
und mir brachte Blümelein.
Erste Christmette
im Rohbau der Nammeringer Kirche
Fest der Liebe, Fest der Freude,
Weihnachten senkt sich hernieder.
Andächtig stehn alle Leute,
singen alte Hirtenlieder.
Laut tönt es im kahlen Raum.
Unsre Kirche soll es werden.
Strohstern, Pergament und Baum
ziern die Krippe auf der Erden.
Aber warm wird es hier drinnen,
daß das Kind nicht frieren muß.
Draußen Schnee und Kälteklirren,
das ganze Dorf kam her zu Fuß.
Nammering die Kund' vernahm,
daß das Wunder ist geschehn.
Christus auf die Erde kam,
wie einst im Stall von Bethlehem.
24.12.1952
Politik:
"1948 waren die ersten Wahlen zum
Gemeinderat, Kreistag u. Bürgermeister. Fürstenstein war durch
Nationalsozialisten u. Sozialdemokraten u. Kommunisten sowie geschäftlich
zerstritten. Es waren auch wenige, die sich nach der Zeit des III.Reiches
zur Verfügung stellten. An mich traten sie damals heran, mit erst 26 Jahren
zum Bürgermeister zu kandidieren. Ich war eigentlich nicht stark für Politik
interessiert. Die Ungerechtigkeit nach dem Krieg hat mich dazu erwogen,
nicht nein zu sagen. Als ich zugesagt hatte, wurde von älteren Bauern
gerügt, daß ich zu jung bin u. deshalb wurde Joh. Stöger aus Reuth
aufgestellt bei der neugegründeten CSU u. ich führte die Gemeinderatsliste
an. Stöger verstand es nicht, von den damals fast 1000 Flüchtlingen, die
ebenfalls eine Liste BHE bildeten, unterstützt zu werden, was bei mir eine
Selbstverständlichkeit gewesen wäre. Und somit wurde der Kandidat der SPD
Franz Ellinger (Steinhauer u. Krämer) Bürgermeister. Wir wurden mit der CSU
die stärkste Liste u. zogen auch mit 4 Gd.Räten aus unserem Bereich in den
Gd.Rat ein. (Franz Schuberl, Obermeier Andreas, Jos. Hartl Fälsching, Jos.
Markl, Einzenberg u. von der SPD Anton Zitzelsberger u. v. BHE Hauptlehrer
Karl Langer) Zudem wurde ich auch in den Kreistag gewählt.
Duch meine Aktivität für Nammering war es mir von diesem Zeitpunkt an nicht
mehr möglich, Bürgermeister von Fürstenstein zu werden, aber die Laufbahn
Kreistag - Bezirkstag - stellv. Landrat ging weiter. Auch die Kandidatur für
Landtag u. Bundestag wurde mir von Landrat Karl angeboten, die ich damals
wegen des Steinbruchs u. der großen Familie nicht annahm.
Auch eine selbständige Gemeinde Nammering hatte ich fast erreicht. Bereits
genehmigt von der Regierung Niederbayern-Oberpfalz. Zusammen mit Landrat
Karl hat mir der Regierungsdirektor Sauer zu meiner Gemeinde Nammering
gratuliert. Durch die damalige Reg. Koalition der Viererparteien SPD,
Bauernpartei, FDP u. BHE wurden wir im Ministerium zurückgestellt. Die
Fürstensteiner unter Bgm. Straßer waren gegen eine eigene Gd. Nammering.
(Zufall) Der damalige Arbeitsminister W.Stein u. Bgm. Straßer waren Freunde
aus dem III.Reich (HJ Lager Berchtesgaden), somit konnte die Gemeinde
verhindert werden. Doch machte ich den Fehler bei der Wiedervorlage, zu der
mich Ob.Rat Sauer aufgefordert hat, daß ich diese hinausgeschoben habe, weil
ich mich dafür verwendet hatte, daß Jos.Braumandl Bgm. wurde u. ich ihm das
nicht sofort antun wollte.
Bei der entsprechenden Härte in einigen Sachen hatte ich es fehlen lassen,
dadurch wurden später alle Maßnahmen für Nammering schwerer, da wir laufend
von der Gemeinde bekämpft wurden und es hätte auch Nammering bei der
Gebietsreform, die mir sowieso nicht in den Magen paßte, durch den
Mittelpunkt zwischen der Gemeinde Fürstenstein - Eging u. Aicha v.W., eine
wesentliche Rolle gespielt, aber auch meine schlechte Wirtschaftslage in
dieser Zeit hat mitgespielt. Es ist bei den Menschen sonderbar, daß mit
wenig Geld auch das Ansehen schwindet."
Jahreswechsel
Versunken in Gedanken,
hin zur Vergangenheit
und voller Spannung vorwärts,
was uns die Zeit verschweigt -
Wir gehen viel im Dunkeln
und suchen wahres Licht,
umgeben von den Sorgen
und tuen unsre Pflicht.
Die Freiheit, der ich diene,
sie leitet meine Hand.
Die Kraft kommt von der Liebe
für unser Volk und Land.
1.1.1982
Bundespräsident Theodor Heuss hat 1954
seinen Sommerurlaub auf der Englburg verbracht. Es war ein großes Ereignis,
als die schwarze Staatskarosse mit der Wappenstandarte durch unsere Gegend
fuhr. Wir Kinder wußten nicht recht, was wir davon halten sollten. Es hieß,
dass er Geld aus dem Wagen werfen würde.
Endlich besuchte er den Nammeringer Steinbruch vom Alois Bauer. Mein Vater
als Gemeinderat und Kreisrat hat ihn begrüßt. Den Gesichtern nach, die man
auf dem Foto sieht, müssen sie heitere Worte gewechselt haben.
Papa gründete 1950 den TSV Nammering und
stellte seinem Verein das Grundstück auf der Schoarn zur Errichtung eines
Sportplatzes gegen eine minimale Pacht zur Verfügung. Das erste Fußballspiel
des TSV wurde, noch ohne Pässe, in Sandbach gegen die dortige Mannschaft
ausgetragen. Diese abenteuerliche Fahrt mit dem LKW des Fuhrunternehmers
Alois Dichtl aus Passau - einem alten Nammeringer - mit der Überfahrt über
die Donau bei Besensandbach in der Fähre ist unvergeßlich geblieben. Das
Spiel gegen Sandbach wurde mit 2:1 gewonnen und die Freude darüber war groß.
Das erste Tor schoß Karl Langer, den Elfmeter zum Siegestor Loisi Bauer. Die
anderen Spieler hießen: Moritz Lois, Kusser Lois, Janouschek Hermann,
Altmann Norbert, Kusser Toni, Reischhofer Willi, Moritz Willi, Koller Ernst,
Obermeier Anderl.
1952 stieg die Mannschaft in die B-Klasse auf und 1955 in die A-Klasse. Bis
1957 war er Vorstand des Vereins und hatte sogar einen Spielerpaß, den er
aber nie benötigte. Er konnte wegen seiner Prothese nicht laufen aber er
trainierte gerne mit und schoß ziemlich scharf vom Stand aus.
Ich durfte als kleiner Bub immer mit dem Bus mitfahren und erlebte die Siege
und Niederlagen. Auf der Heimfahrt stimmte Papa die Lieder an, z.B.: "Wir
spieln in Hamburg und Berlin und nächstes Jahr, da gehts nach Wien ..."
"Haben wir ein Spiel verloren ist es auch nicht schlimm, ja auch nicht
schlimm ..."
An die Fußballer
"Nun tretet an zu diesem Spiel,
verfolgt mit Eifer euer Ziel
und laßt den Ball im Strafraum flitzen,
damit bei uns die Augen blitzen.
Herrn Schiedsrichter ein extra Lob,
daß er mit uns herüber zog,
um dieses Spiel recht gut zu leiten.
Sonst könnten wir am Schluß noch streiten.
Jetzt laßt die Schußkanone knallen,
so daß beim Feind die Tore fallen.
Ihr müßt euch gar nicht lang besinnen,
- nur den Vereinspokal gewinnen!"
Ruhelos
"In mir ist etwas, was nicht ruht,
Das dauernd etwas Neues sucht.
Kaum habe ich was unternommen,
Gut ausgedacht und gleich begonnen,
So fliegt was andres mir schon zu
Und läßt mir wieder keine Ruh.
Ach hätt ich doch die Zeit und Kraft,
Was immer sich in mir entfacht,
stets umzusetzen in die Tat - "
(Verreist ist er noch beim Diktat.)
ca 1950
Der rastlose Wirt
"Bleib do" hoaßts oiwei, "unterhalt deine Gäste".
I muaß oba na auf andere Feste.
Wenn i amoi knocka bleib s' ganz Jahr dahoam,
dann bins net i mehr, dann bin i gstoam.
Dann kinnts an zahnadn Kopf vo mir schnitzn
oda mi ausgstopft ins Eck hintre sitzn.
Papa hat zum Schluss die
Gastwirtschaft "Guggarelln"
betrieben. Er war selber einer der besten Gäste.
Und wenn sein gelber Mercedes vor der Tür stand, dann
hielten gern seine Freunde und kehrten ein.
Aber öfter stand sein Auto vor den anderen Wirtshäusern,
dem Silbereisen in Aicha, der Maut in Renholding, der Rantn am Bahnhof oder
beim Feichtinger in Nammering.
Und kein Volksfest in der ganzen Gegend ließ er aus.
Für meine Heimat
Unternammering und Obernammering
Ich habe viel getan
und habe nichts verlangt.
Ich fühlte mich verpflichtet,
zu helfen, wo ich kann.
So wurden die zwei Nester,
wo ich geboren bin,
durch brüderliches Schaffen
Pfarrei von Nammering.
22.5.89
Was bleibt
Du hast was geschafft in der Gegend
und glaubst, du bist einmal wer.
Die Jahre des Lebens vergehen
und schnell kommt das Ende daher.
Wir ziehen dahin wie die Wolken,
die der Wind am Himmel vertreibt.
Der Mensch, der muß einmal sterben.
Doch was er gebaut hat, das bleibt.
GESELLIGKEIT
Gemeinschaft
Wo lautre Menschen weilen,
dort möcht ich immer sein
und Freud und Sorgen teilen.
Ich bin nicht gern allein.
Die "Nammeringer Buam"
Was waren das für schöne Zeiten,
als wir zusammen gern verweilten
in Freundschaft und in Glück!
Da sangen wir voll Freud entzückt
bei Bier und Wein die Heimatlieder
und spürten unsre Jugend wieder.
Nach Tagesarbeit und nach Sport
oft fanden wir uns da und dort.
Ein jeder suchte gern den andern
und mußt' er bis nach Aicha wandern.
Ein Zitherklang vom Wirtshaus her:
Da gabs für uns kein Zögern mehr.
Es warn bei jeder Sängerei
die Nammeringer Buam dabei.
Und wenn wir manchmal auch uns zanken,
die alte Freundschaft kann nicht wanken.
26.2.85
Am Fenster
Es schmeicheln dir die Blumen
mit ihrem zarten Duft.
Im Hauch des Abendwindes
erfüllt sich froh die Brust.
21.7.82
Trauer
Die Abendglocken läuten
zu einem Dorfgebet.
Wir sitzen noch beisammen,
weil uns der Schmerz bewegt.
Den Sepp, den lieben Freund
in seinen jungen Tagen,
so herrlich und von Größe,
den haben wir begraben.
Aus frischem Lebensquell
kam rotes Blut geflossen.
Wir haben seinen Sarg
mit Tränen übergossen.
Es reut mich, daß ich lebe.
Es tut mir selber weh,
so eng ist meine Brust,
weil ich erst nach ihm geh.
Sein alter Freund erschoss ihn.
Ein Jagdunfall, ein dummer.
Dem brach, sobald er sah,
was er getan, das Herz vor Kummer.
Dein Freund Franz
Gasthaus Stauder, den 10.8.87
Guter Rat
Wer leben will
und sich wohl befinden,
der kümmere sich nicht
um des Nachbarn Sünden.
Waldschänke
(Wie Papa in der Hitze eingeschlafen ist
und ihm vor lauter Durst
der Heilige Christophorus erschienen ist)
An einer Schänke drin im Wald
im grünen Schatten such ich Kühle.
Bei dreißig Grad steigt mir die Schwüle
zu Kopf und wird mich rösten bald.
Schon schaut vom Schotterweg der Wirt
herüber, groß mit dunklen Locken
in kurzer Hose, ohne Socken
geschultert lose sein T-Shirt.
Ich wünsche mir ein kühles Bier,
ich winke mit erhobnem Daumen
und zeige ihm den trocknen Gaumen,
denn ich vergeh vor Hitze schier.
Nun frohgemut Zigarre schmaucht.
Die Feriengäste kommen reger.
Sogar der rußige Schornsteinfeger
heut unter unsern Schatten taucht.
Kein Vogel mehr im Walde gurrt,
ich hör nur noch Insekten summen.
Im Garten gähnt ein leerer Brunnen,
die nahe Steinbruch-Seilbahn schnurrt.
Rauscht da nicht unterm Schritt der Kies
wie Wasser? Das erfrischt die Sinne!
Und Gläser klirrn wie helle Stimme
wenn eines an das andere stieß:
Es überquert den Fluß in seinem Bett
mit langen Wellenlocken - bin ich blind?
Sankt Christoph mit dem lieben Kind!
Ach nein, der Wirt mit sei'm Tablett.
Der unbeliebte Hochzeiter
"Du Resi, du soidst dir an Hochzeita schaun.
Unsa Hof der muaß auf an Stammhoita baun."
"Du, Babba, wenns weita nix is, des is leicht.
Mi druckts eh schan länga, daß i dir 's beicht.
I han schon oan gfundn, des is unsa Sepp."
"Den schlogst dir ausm Kopf, des is doch a -
einfacha Knecht, ders Schreibn und 's Rechnen net kan."
"Da herobn da brauch i an kräftign Man,
denn s' Rechnen und Schreibn des bring i eam bei.
Mia hamma fünf Küah und - etliche Säi."
"Na wart", denkt da Bauer, "i bin dir net ha.
Da Summa vogeht und da Winta geht a."
Wia pfeift de erst' Amsl drobn auf da Stauern
da luust er schan auße, wias Brauch bei de Bauern.
Im Frühling in olla Früah geht er schon raus.
De ganzn Kotern de mausen ums Haus.
Und hat vor der Resi ihrm Fensterl heruntn
den Grund für sein komisches Glücksgefühl gfundtn.
Da hat doch so oana in' Schnee eini g'schifft-
grouß steht da "R E S I" in goldener Schrift.
"Ja sakra, jetzt hots oba eingschlogn bei ihr!
I sogs ja, mei Tochter de foigt hoit na mir."
Er denkt se, des kann nur a Auswärtiga sa,
a frecha, a gstandna, und schreibn kann er a.
"Du Resi, i woaß 's schan, du brauchst gar nix sagn,
i mecht di net glei um dein Hochzeiter fragn.
A ganz a gscheider, a Herr muaß des sei(n)."
"Wenn a da 's sog, der Sepp is da mei(n)."
"Geh loig net, i han 's doch im Schnee draußn glesn."
"Ah deswegn! Und i sag: Da Sepp is des gwesn."
"Der kann doch net schreibn. Mit wem hast a's 'triebn?"
"Da Sepp der hot bieselt und i han gschriebn."
JAGD UND NATUR
Frühling
Die Schneedecke löst sich mit Mühe
nach gähnender Winterzeit.
Palmkätzchen blinzeln noch müde
zur Sonne im Rauhreif-Kleid.
Frühlingsluft hebt sich gelinde,
belebt jeden Stecken und Stab.
Alles berührt sich im Winde.
Der Baum wirft den Schneemantel ab.
Am Waldrand stehen die Rehe,
ein Fasan balzt dort am Rain.
Elstern umflattern die Schlehen,
unsere Stare sind wieder daheim.
Die Menschen in freudigem Lachen
ziehn hinunter ins eisfreie Tal.
Windröschen und Kresse erwachen,
- schneeweisse Blüten überall.
Auf dem Hochsitz
Im Wald, da wär ich gern allein.
Da sollte nur der Jäger sein;
betrachten, was das Leben birgt,
wie es im Stillen balzt und stirbt.
Doch überall nun Menschen sind,
Gestank und Lärm bringt jeder Wind.
Mit Autos, Mopeds fahrn sie her.
Bis in die Nacht stört der Verkehr.
Die Wandrer will ich nicht mehr sehn,
sie sollen auf den Straßen gehn.
Das Wild hat keine Ruhe mehr,
wird aufgescheucht und sucht umher.
Und Schwammerlsucher aus der Stadt,
wie habe ich die Fremden satt!
Das Liebespärchen ausgenommen -
Das darf morgen wieder kommen!
Mitten im Wald
Mitten im Wald blieb mein Auto heut stehn.
Einsamkeit such ich, der Tag mag vergehn.
Leise Musik aus dem Radio rauscht,
still ist der Wald als ob er mir lauscht.
Du alte Buche bist stark und beleibt,
hast dich in hunderten Ästen verzweigt.
Tannen und Fichten, sie wachsen dir nach,
Büsche darunter, kein Fleckchen liegt brach.
Auch für die Rehe ist Platz unter dir,
Hasen und Hühner und kleinres Getier
sah ich schon spielen und bei der Rast
droben auch einen Habicht am Ast.
Hier sitz ich lange und schaue hinaus,
denke dabei an mein Elternhaus,
und an mein eigenes Wesen, mein Tun.
Hier ist der Ort, um auszuruhn.
17.12.1988
Der Baum am Acker
Seit hundert Jahren stand der Baum
auf sanfter Höh am Ackerrand.
Hat alle Wetter überstanden,
war jeden Sommer süß voll Birnen.
Im Herbst, wenn reich der brave Acker
mit Ähren wogend war gereift,
dann saß zur Brotzeit unterm Baume
der Bauer mit der Sense und sein Knecht.
Und dann im langen, kargen Winter,
wenn Schnee sich unter ihn gelegt,
dann kam ein Reh vom Wald herüber
und fand die letzte Birne sich.
Der neuen Zeit ist nun der Baum erlegen,
weil er ein Hindernis geworden ist.
Maschinen brauchen keinen Schatten.
Es kümmert sie nicht Mensch und Tier.
Der kranke Wald
Die Natur gewöhnt sich dran,
was ihr die Menschen angetan.
Schneegefüttert grünt der Wald
nach einem Winter richtig kalt.
Ein Frühling mit viel Regen,
das war für ihn ein Segen.
Und dann die warme Sonne,
die bringt ihn ganz in Wonne.
Frische Zweige wachsen her,
als ob nichts gewesen wär.
Kern, Fürstenstein 27.7.85
Gebet
Natur, wie bist du schön und gleich,
in diesem Jahr schon wieder reich
an Wonne und an Erntesegen
für alle, die sich mühn und regen.
Doch nur wenige schätzen deine Güte,
maßlos ist der Vielen Forderung,
die kaltherzig ohne Grenzen
sich steigern zur Verzweiflung.
Wo sind wir hingekommen,
da alles fast schon ist erreicht?
Es sinkt der Glaube und die Hoffnung
auf Freude und Gemeinsamkeit.
Das alles ist des Wohlstands Schatten,
der alles auseinanderreißt,
wie Nebel kalt aus Neid und Hassen
sich düster, stickig umhertreibt.
Laß, Herr, es wieder anders werden
und führe uns zum wahren Glück,
ja, ohne Reichtum und Beschwerden
auf deinen sanften Schoß zurück.
18.1.1971
Weinskandal und Krebs
Vergeblich forscht
seit Jahren schon
am Krebsgeschwür
mein Arzt, mein Sohn.
Die Luft soll ganz
verpestet sein
und auch kein Wasser
ist mehr rein.
In Speis und Trank
sucht er genau
und wird dabei
nicht richtig schlau.
An manchem Krebs
muß schuldig sein,
sag ich ganz klar,
das Gift im Wein!
Gasthaus Feichtinger, 28. Juli 1985
GRANIT DAS WAR MEIN LEBEN
1948 betrieb er seinen ersten Steinbruch
auf eigenem Grund auf der Schoarn. Er hat sich Grundstücke dazugekauft. Das
Steinvorkommen war aber völlig ungeeignet. Später hat ihm der alte Bornhofen
den Tip gegeben: "Nur wenn oben drauf Kügele liegen, dann ist drunter guter
Stein."
1950 pachtete er den Steinbruch Schafreut von der Firma Rieger und Seil,
zuerst den westlichen, dann den östlichen. Nebenbei Erschließung der
Sportplatzsiedlung.
1958 hat er den Steinbruch von Braumandl, Peigerting gekauft und umliegende
Grundstücke gepachtet. Bis 1966 lief der Betrieb gut, es waren bis zu 52
Mann beschäftigt. Reclame in LANDKREIS PASSAU 1862-1962 185
Dazu pachtete er das Grabsteingeschäft Gruber, Peigerting für 10 Jahre. "Ich
überspannte aber dann den Bogen, kaufte zwei Lastzüge, baute ein
Doppelwohnhaus in Peigerting für die alten Häuser auf dem Betriebsgelände
und fing auch noch ein kleines Quarz-Schotterwerk in Ritzing an."
Anschließend Bau der Wasserversorgung Nammering, Bürgersteig Nammering mit
Kanalisation, Erschließung der Lehen-Siedlung, dabei Grundstückskauf auf
eigene Rechnung.
Er hat mit Grundstücken gehandelt, zeitweise so gut, dass er Maklersteuern
zahlen mußte. Von Dorfner, Fürstenstein kaufte er den Kronenwald (20
Tagwerk), in Neusessing den Bauernhof Weinzierl (45 Tagwerk). Den Kronenwald
verkaufte er an das Bischöfliche Ordinariat und an Fa. Rieger & Seil. Dafür
kaufte er wieder 20 Tagwerk Wald in Otterskirchen von den Bauern Kriegl und
Schwingenschlögl (Vordergalgenberg).
"Unser Wohnhaus habe ich dreimal umgebaut. Ich kaufte auch das Wirtshaus
Guggerille von Helmut Lindbüchl und baute es aus. 1976 bis 1977 erste Krise
in der Steinindustrie. Das schlechteste Geschäft meines Lebens war der Bau
des Fürstensteiner Sportplatzes, der ursprünglich in Nord-Süd-Richtung
geplant war aber dann in Ost-West-Richtung gedreht wurde."
Vor dem drohenden Konkurs konnte er einen Vergleich mit den Banken und dem
Finanzamt erreichen.
Unser Granit
Granit war immer das Urgestein,
mit dem unser Leben beginnt und vergeht.
Im ihm ist verborgen das Element,
aus dem, verwittert, der Boden entsteht.
Vom blauen Granit kommt der dunkle Acker,
vom hellen Granit der gelbliche Sand.
Das Wasser zum Trinken für Menschen und Vieh
bleibt sauber und frisch im kunstvollen Grand.
Granit gibt den Leuten Arbeit und Brot.
Dem Steinhauer wird er dafür, daß er litt,
zum Grabmal gemeißelt nach seinem Tod.
So lange ich lebe lieb ich Granit.
17.12.1984
Steinbruchmusik
Eisen trifft Granit und schon
klingt Musik. Ton folgt auf Ton.
"Tack, tack" gehts in aller Früh:
Sonnenaufgangsmelodie.
Zwei, drei Hauer stimmen ein.
Noch klingt Glockenspiel allein.
Die Sirene kündigt an:
Jetzt kommt das Orchester dran.
Wenn gebohrt wird und gespalten
kommen Klänge von Gewalten
aus dem Urgestein hervor
und erschüttern dir dein Ohr.
Ketten rasseln über Quader,
Schläuche bilden Pfeif-Geschwader.
Kühlerrohre sind am Dampfen
rhythmisch zum Kompressorstampfen.
Schlagzeug hämmert in den Stöcken,
Orgel dröhnt aus Motorblöcken.
Meißel, Rohre und Gestänge
machen heulende Gesänge.
Hörner blasen zum Finale.
Geh in Deckung beim Signale!
Sicher ist die Symphonie
bei der Uraufführung nie.
Nach dem Sägen, Schleifen, Schneiden,
wenn die Preßlufthämmer schweigen,
hemmt ein jeder seinen Schritt.
Jetzt sprengt Felsen Dynamit.
Und ein harter Arbeitstag
Endet mit dem Paukenschlag.
Nun verebbt die Klangmaschine
als Männerchor in der Kantine.
24. Juni 1986
Freunde
Geh nicht an jemand kühl vorüber,
der dir von außen scheint zu hart.
Denn unter einem groben Mantel
ist oft versteckt ein Herz ganz zart.
Ich denk an meine Kameraden,
mit denen ich im Steinbruch stand.
Bei dieser schweren Schinderarbeit
knüpft' ich so manches treue Band.
Denn wie auch rauh vom Staub die Kehle
zum Himmel schreit im lauten Streit,
im Echo hallt es in der Ferne,
als ob sie singt ihr Herzeleid.
Gerettet
Ich habe den Steinbruch betrieben.
Der erste war nichts,
der zweite nicht gut.
Der dritte war besser,
weil ich dazugelernt hab.
Ich habe zu viel unternommen,
gekauft und verkauft,
verloren, gewonnen,
überzogen den Bogen.
Dann kam die zinsharte Zeit.
Ich hatte aber die Kraft,
und Freunde dazu.
Die eigenen Kinder,
sie halfen im Kampf
mitten in diesem Gewühle.
Und jetzt sind wir wieder frei,
erreichten das Ziel.
Dahin war die Hoffnung
auf Ehre und Gut.
Danken will ich euch allen.
Vertrauen
Traue ja nicht -, außer einem echten Freund,
denn brauchen kann dich jeder.
Der schiebt niemals wie die vielen falschen
zu dir den schwarzen Peter.
Du erkennst ihn dann, wenn du sollst voller Nöten
die Hand zum Schwur erheben.
Er reicht dir die rechte Hand. Und die ist echter
als alle schönen Reden.
Wenn die Schar, im Herzen leer, dich hat verraten,
behalt den Seelenfrieden.
Dann hebst du die Hand mit deinem Zeigefinger.
Und sonst bleibst du verschwiegen.
30. März 1987
Der neue Steinbruch
Der Anfang ist heute gemacht,
doch lastet auf mir eine Bürde.
Den Berg da gilt es zu meistern,
es ist eine steinharte Hürde.
Ich war des Lebens schon müde.
Der Bruch gibt mir neue Kraft.
Ich hab mich vom langen Nichtstun
nun doch wieder aufgerafft.
Granit war immer mein Leben,
er hat mich von klein auf erfaßt:
Drum bleibt er bis in das Alter
mein Hoffen - und meine Last.
16.3.1983
Der letzte Steinbruch ist verkauft.
(Papa hat 1989 beim Verkauf des Steinbruchs
an Franz Xaver Süß, Edt,
neben einer erschwinglichen Summe
eine Leibrente ausgehandelt.)
Die schwere Zeit für uns ist um,
das langersehnte Ziel erreicht.
Die Rente läuft für unser Tun,
die alle unsre Müh'n ausgleicht.
Die Felsenwand ist noch ergiebig.
Die Mama hat jetzt ausgesorgt.
Der Berg wird weiter Früchte tragen,
weil wir dem Mann Kredit geborgt.
So lang ich lebe freu ich mich
an diesem Steinbruch, meinem letzten,
weil er für sie noch weiter geht
und wir den Berg so gut einschätzten.
Ich wünsche, daß der Schatz gehoben,
von dem ich lang geträumt dort oben
und Glück dem Mann, der eingesetzt
sein Ganzes. Gewinn gönn ich ihm bis zuletzt.
Wackersberg 18.9.89
DAS ALTER
Terminauftrag am Pockinger Rathaus
Zu viel hab ich mir vorgenommen.
Ich sehe schon den Winter kommen.
Wie sollen wir den Bau noch schaffen,
wo hint und vorn die Lücken klaffen?
Man sagt so leicht: die Zeit ist Geld.
Doch heut' wird nach Termin bestellt.
Auf uns liegt noch der große Schatten
von unsren Schulden, die wir hatten.
Der Schnee wird diesen Platz verschließen.
Doch ob wir Weihnachten genießen
mit Freude, Frieden, sorgenlos,
das liegt in Gottes Händen bloß.
Herr hilf mir meinen Glauben stärken,
gib Segen doch zu meinen Werken,
gib Kraft mir noch die letzten Tage,
auch wenn ich ängstlich fast verzage.
Ich spür, mich drängt die knappe Zeit
vom Alter her. Und was mir bleibt,
versuche ich mit schwachen Händen
so gut es geht, noch zu vollenden.
Ich fürchte, daß ich ganz am Schluß
von meinem Leben sagen muß:
Es hat zum Himmel nicht gereicht,
nur weil andauernd Zeit verstreicht.
22.10.83
Für Dich, zum Muttertag
Der Tag wird wieder heller
und klarer ist der Sinn.
Die sorgenschweren Jahre,
mir scheint, die sind dahin.
Ich fühl mich wieder wohler,
bei dir bin ich daheim.
Doch ist es gut zu wissen,
wie 's anders könnte sein.
Ein Haus, das kannst du mieten.
Ein Heim steht dir nicht zu,
wenn du nicht deinen Frieden
gesucht und gibst dann Ruh.
Aus Dankbarkeit und Freude
schreib ich dir ein Gedicht.
Die frühe große Treue
les ich in dein'm Gesicht.
Passau, 21.4.77
Ich werde nie vergessen,
mein erstes Liebesglück.
Zu deinen guten Worten
sehn ich mich oft zurück.
Treu bleib ich dein Gefährte
auf allen deinen Wegen,
will Freud und Leiden teilen
solang wir beide leben.
17.7.87
Das Alter
Das Alter hat Last und bringt Sorgen.
Mit Gebrechlichkeit kämpf ich am Morgen.
Ich geh an die Arbeit, sie klappt nicht mehr recht,
so sehe ich zu und meine Leistung wird schlecht.
Auch meine Erfahrung ist nicht mehr gefragt.
Vergessen ist, wie ich mich hab geplagt.
Auch die Frau schätzt meine Worte nicht mehr,
fällt hart über mich mit Ungeduld her.
Alle, die sonst weise und gut mich begleiten
schenken die Aufmerksamkeit jetzt den Gescheiten.
Doch schätz ich mich selber, wie ich lebe und bin
und suche mir Leute mit freundlichem Sinn.
Bestell ein Glas Bier oder manchmal auch Wein,
um miteinander "zum Wohle" zu trinken.
Ich freu mich des Lebens bei Sonnenschein
und lasse den Mut noch lang nicht versinken.
Passau / Fürstenstein 22.9.82
"Wanderer stehe still ..."
Ich spür da drinnen wieder Weh
und Müdigkeit am ganzen Leibe.
Zum Gipfel ich wohl nimmer geh,
bescheiden drunt am Wegkreuz bleibe.
22.2.84
Wenn wo ein altes Zahnrad liegt
62 Jahre und immer noch vor der Vollendung.
Es kommt langsam was weg und was andres dazu.
Wenn wo ein altes Zahnrad liegt,
das kommt nimmer zum Laufen
und wär es auch sonst noch so gut.
Es gehörte zu einer alten Häkselmaschin,
die man heut nicht mehr braucht.
Die Häkselmaschin ist schon lang zerlegt und verbrannt.
Aber das große Zahnrad, das hebt man noch auf.
Es war teuer und ist schweres Eisen.
Zum Wegwerfen zu schade.
Aber jetzt ohne Zweck, fast zum Lachen.
Der Eisenhandler, wenn er einmal kommt, der nimmts mit.
Geburtstag 31.1.1984
Ich aber lauf noch gerne mit
in dem Uhrwerk zu dem ich gehöre
und tue, so gut ich kann, meinen Teil,
daß es nicht stillsteht, bis schlägt meine Stunde.
Das Ganze
Wir sind so eng
mit der Erde verbunden,
fühlen das Wetter
zu allen Stunden.
Jauchzen und Schnalzen
holt Frühling heran,
Schnee im April
reißt dich im Zahn.
Hoch schlägt das Herz,
wenn die Jagdzeit beginnt.
Weich wie ein Fell
streichelt Ähren der Wind.
Hitze zur Ernte
öffnet das Mieder,
Sturm im November
fährt durch die Glieder.
Zitternd am Abzug
sucht Finger ein Ziel.
Blut klebt am Boden
seit der Schuß fiel.
Wir sind so eng
mit den andern verbunden,
spüren Vergangnes
in alten Wunden.
Das Alter und der Herbst
Wie gut es doch der Herbst noch meint,
wenn noch einmal die Sonne scheint.
Das Laub es leuchtet rot und zart,
dahinter der Himmel, blau und hart.
Die Jagd ist vorbei, der Hochsitz ist kalt,
zum Pirschen im Felde bin ich zu alt.
Schon lang sind unsere Singvögel fort.
Ich hör nur den Schrei der Krähe dort.
Die Äcker und Wiesen kommen zur Ruh.
Bald deckt der Schnee sie lautlos zu.
Schon so viele, die ich gerne traf,
gingen vor mir zum himmlischen Schlaf.
11.10.1988
Wir alten Kameraden
Gezählt sind unsere Tage,
stumm hocken wir am Wirtshaustisch.
Die Jungen dort, lebhaft und laut,
sie schlagen Rat über wichtige Dinge.
Wie gerne würden wir helfen.
Es fragt aber keiner nach uns.
Den Weg, den könnten wir weisen
zu Freude und Liebe und Frieden.
Wie an einem Stein
bricht sich der Fluß der Zeit.
Dort treibt er schnell,
hier wird er ruhig.
Im Lärm reißt dich die Strömung mit,
in der Stille betrachtest du den Strom.
Das ist es, was uns bleibt,
uns alten Kameraden. Prost!
Wer das nicht begreifen will
in seiner Einsamkeit,
der kann im Rausch leicht ertrinken.
AUF DER KUR IN BAD TÖLZ
15.September 1989 - 5.Oktober 1989
Vor der Kur hat sich Papa
mit den besten Vorsätzen von seinem Stammtisch in Nammering verabschiedet.
Ein wenig großsprecherisch scherzt er über die ungesunde Lebensweise hier,
insbesondere weil auch sein Freund, der Walter, zur Kur von hier weg muss.
Gleich bei der Ankunft in Bad Tölz missfällt ihm das Kurheim. Er zieht ein
Wirtshaus vor und läßt es sich gut gehen, isst und trinkt wie es ihm
gefällt. Er findet wieder einen Stammtisch, lernt den Altbürgermeister
kennen, eine Reihe von alteingesessenen Bayern, ist mitten im Geschehen, wie
zuhause.
Bis er etwas krank wird. Er geht zum Arzt und der sagt zu seiner
Überraschung, dass er es sich weiterhin gut gehen lassen soll, nur ja nicht
mehr anstrengen. Das macht ihn nachdenklich und bestätigt sein Gefühl, dass
er gar nicht so gut dran ist. Nun kann er die Gemütlichkeit nicht mehr so
genießen. Er schlägt nicht mehr so ausgelassen über die Schnur.
Es folgt eine nachdenkliche Heimreise. Er meidet den alten Stammtisch und
lobt den häuslichen Frieden bei seiner Anni.
Abschied der Patienten
vom heimatlichen Stammtisch
Ich fahr jetzt nach Bad Tölz,
der Walter bis nach Reichenhall.
Wir brauchen jetzt Erholung
von eurem Redeschwall.
Die reine Luft der Berge,
die Ruhe drunt im Tal
wird unser Herz kurieren
von eurem Rauchlokal.
Dort will ich gern genießen
Mineralien und Diät,
mit Anni stolz flanieren
und zeitig gehn ins Bett.
Wenn wir dann nach drei Wochen
die Hungerkur geschafft,
dann kennt ihr uns nicht wieder,
so schlank und voller Kraft.
12.9.89
Ankunft
Nach nieselnasser langer Reise
im "Dieselroß" auf meine Weise
sind in Bad Tölz wir angekommen
und haben dort Quartier genommen.
Schön ist der Ort und groß das Haus,
doch mager schaun die Betten aus.
Toilette, Badwann' suchst du lang,
nur eine Dusche gibts am Gang.
Es hallt der Schritt auf kaltem Boden
kein Mensch begegnet dir da droben.
Doch hab ich mich gleich abgefunden,
vertreibe mir schon meine Stunden.
Beim Alten Wirt, nicht weit von hier,
da gibts gesundes Weizenbier.
Im Jager Stüberl bin ich g'sessen.
bei einem guten Mittagessen.
15.9.89
Heute war die erste Massage bei der braven Christine.
Es ist eine Ungerechtigkeit, wenn man bedenkt,
daß so eine zarte Hand meinen schweren Körper zähmt.
Ich habe mich dabei wohlgefühlt, mit leisem Bedauern:
"Der Doktor hat es ausdrücklich geordert,
daß Du mit mir so schwer wirst gefordert."
16.9.89
Mein Biergarten
Das Gasthaus Altwirt, Wackersberg,
beim ersten Ausflug schon entdeckt,
mit Wirtshausgarten voller Stil,
hat meinen Appetit geweckt.
Auf langen Bänken hast du Platz,
so einfach, schön und angenehm.
Kastanien blühen rot und weiß,
hier ist es noch wie ehedem.
Die Kellnerin, die ist geschwind
und bringt Holzkirchner-Oberbräu.
Sie lacht dabei mich freundlich an.
Wie ich mich auf die Brotzeit freu!
Es treffen noch mehr Kurgäst' ein,
die kühlen sich wie ich die Kehle
und rücken her zu mir. Schon bald
sind wir ein Herz und eine Seele.
Wir heben unser Glas empor
und singen laut vereint im Chor:
"Ein Prosit der Gemütlichkeut,
daß uns kein Tag der Kur nicht reut!"
Wackersberg, den 16.9.89
Das Haus Walküre
Es könnte auch ein Kloster sein,
ein jeder ist für sich allein.
Es strahlt die innre Ruhe aus,
so rein und sauber ist das Haus.
Masseurin kommt in jede Zelle,
kriegst Bäder bei der Hauskapelle.
Der Anni tut das Heim recht gut,
sie hat sich endlich ausgeruht.
Doch ich bin halt kein stiller Gast,
vesteh was andres unter Rast,
ich hab für meine Wohlfühl-Stunden
ein Haus in Wackersberg gefunden.
Verlaß, wenn Anni macht die Kuren,
mich immer auf die Wirtshaus-Uhren,
erleichtre mein Herz und fröhne der Muße
wenn sie mit Demut und Strenge tut Buße.
Ich soll um 18 Uhr ins Kloster heim
und gleich darauf im Bette sein.
Schnell, Rosi, schenk noch einmal ein,
vorm Angelus den besten Wein!
Wackersberg 20.9.89
"Angelus" ist das Glockenläuten zu
Feierabend. Man könnte auch sagen "Zapfenstreich" fürs Kloster.
Besuch
Am Samstag hatten wir einen lieben Besuch, der älteste Sohn Franz mit
Gertraud und ihren Kindern Johanna und Toni. Aus ihrem Garten haben sie ein
Körblein gebracht mit Zwetschgen, Trauben und Tomaten.
Wieder ein schöner Tag des Lebens, den uns die Kinder gegeben haben. Wir
fuhren zum Gasthaus Wiesenweber, zu gutem Essen, mit Herzensbegegnung.
Auch beim Altwirt in Wackersberg waren wir, damit sie sahen mein
Wirtshaus-Revier.
Nach ein paar Stunden gemütlichen Verweilens, war schon wieder die Zeit zum
Hände-Reichen.
30.9.89
Brotzeit zum Sinnieren
Der Ober bringt mir "Preßsack schwarz und weiß
mit Zwiebelringen".
Den schwarzen könnt ich pfundweis essen.
Der weiße, sagt man, ist gesund.
So muß ich halt, daß sich das schlechte
und das gute Cholestrin die Waage hält,
mir beide einverleiben.
Im ganzen Leben war es so
mit Gut und Böse - in der Politik,
mit Soll und Haben im Geschäft,
mit Lob und Tadel für die Kinder.
Am Schluß, da bleiben nur noch übrig
ein paar von diesen Zwiebelringen.
Die haben keinen Zweck, sie liegen lang im Magen
und machen grundlos Tränen.
Da kommt der Franz herein, mein Leibarzt
und bemerkt den Teller.
"Die Zwiebeln hätt'st du essen sollen,
nicht den Preßsack!" Es ist zu spät.
Ich hab es gut gemeint.
Was wird wohl übrig bleiben,
wenn ich mit meinem Leben fertig bin?
Vielleicht die paar Gedichte,
die sich als Garnitur um meine Fehler kringeln.
Unsere "Hochzeitsreise"
Prosa
44 Jahre sind wir schon verheiratet. Doch unsere Arbeit und unsere Kinder
ließen uns keine Zeit zum Reisen. Aber jetzt sind die Kinder groß und haben
selber schon Kinder. Und jetzt dürfen Oma und Opa verreisen, ohne Last und
Sorgen. Die Kur, die hat uns der Franz verordnet. Alle freuen sich mit uns
und wir bekommen viele Besuche, Anrufe und Grußkarten von daheim.
Sonntag, 24.9.89
24.9.89
Jetzt bin ich in der Ramsau b. Penzberg, und auch gemütlich eingekehrt. Ein
alter Metzger vom Jahre Zehn hat mir seinen Lebenslauf erzählt. Erst 1953
kam er heim vom Krieg.
Er hat einen guten Kern und nimmt das Leben nicht so schwer. Trotz seiner
kranken Frau
findet er Ruhe und Frieden in der Ramsau.
Schafkopf-Gstanzln
Drei Manna am Stammtisch,
de wo net veei sagn,
sand freindli zu mir gwen,
da trau i mi fragn:
Obs Kartn net kennand?
De hams ma glei bro(ch)t.
Der Schafskopf bin i gwen,
der 's Lehrgeld zoit hat.
Mei Blatt war net schlecht gwen,
aba s' Glück geht im Kreis.
Am Schluß kanns dann leicht sein,
daß i d' Speeikartn z'reiß.
Der Kaspar sitzt vor mir,
da Sepp hint im Eck.
Nach eam kimmt da Wolfi
und i schoiß de Böck:
4 Ober 6 moi,
d' Schelln Sau mit 'n Kini.
Im Auswurf bin i aa no -
des Herzsolo gwinn i!
So schlau, wiar i bi,
wirf n' Herzober an,
der Wolfi gibt "Kontra",
als ob er 's net kan.
Da Kaspar schmiert d' Herzsau
Und i sog darauf "Ou!
da kann i no "Reh!" gebn."
(Weil mei Zehner wird hou.)
Dem Sepp reißt 's an Kini,
des paßt in mei Pirsch.
Da Wolfi gibt Acht zua
und sagt dazua "Hirsch!".
I speei an Herz Neiner
da Kaspar schmiert d' Oid
da Sepp an grean Zehner.
De Augn hams se se ghoit.
Jetzt kimmts darauf an,
was der Wolfi ausspeeit.
Er wirft an schelln Neiner.
I woaß wos dir feeit!
Da muaß i jetzt schindn
auf Gedeih und Verderb
I hoff auf mein Kini,
doch leider verkehrt!
Da Zehner sitzt hint
und da Kaspar, der schmiert.
Zu guter Letzt
hams ma d' Sau operiert.
Des kann doch net wahr sein,
de ham se vozeit!
"Neinavierzg, sechzig.
des hast du vospeeit."
Auf oan moi wernds gschmatzig
und lochand oi drei.
Verspott' hams mi a no
beim Altwirt hibei:
"Daboamt hat eam D' Sau,
de het er se gspoart.
Mia hammas eam gstocha,
jetzt segt er se load."
26.9.89
Angst
Ein nieselnder Regen kommt tiefer herab.
Die Pfützen werden den Bienen zum Grab.
Heut Nacht hab ich wieder geträumt von daheim,
vom Steinbruch, der Jagd, doch es gab keinen Reim.
Bei unserer Kur wars die dreizehnte Nacht.
Der Herr Doktor hat mir ein EKG gemacht.
Ich solle mir ja keinen Hals mehr verrenken,
viel mehr an meine Gemütlichkeit denken.
Jetzt sitz ich allein in dem Wirtshaus als Gast.
Wo bleibt denn die Anni? Ich sorge mich fast.
Ich trink noch zwei Schoppen Kalterer See,
daß ich diesen Tag auch noch übersteh.
27.9.89
Ich sitze gerne im Wirtshaus mit alten Männern und will Land und Leute
kennenlernen. Die ganzen Sitten und die hier gebräuchlichen Witze. Die
Blasmusik und die Schützenkompanie, die Wirte und die Gemeindevertreter, die
Handwerker und die Jäger, die Fröhlichen und die Grantigen, die
Sprüchemacher und die wo sich interessant machen. Die gwandtn Kellnerinnen
und die dicken Köchinnen, die derben Holzhauer und die miesen Grantlhauer,
die ernsten Kartenspieler und ihre Kiebitze, die Feriengäste mit Kind und
Kegel, die Trachtler und die vom sportlichen Leben, den H. Pfarrer und den
Bürgermeister, den Chorleiter mit den Sängern, die stillen Bauern und die
verschlagenen Wilderer, die schon recht rar sind. Da wären noch die Fischer
und Lügner und auch die, welche mit dem Leben nicht zufrieden sind. Es ist
schön, daß es die alle gibt, daß das Leben lebendig ist.
Neuwirt, d. 2.10.89
Der letzte Abend
Beim Wiesenweber sitz ich wieder,
ein nasser Nebel läßt sich nieder.
Die Feriengäste sind schon müde,
mein letzter Tag, der wird wohl trübe.
Drum Luisi, hilf dem armen Mann
geh, zünd' ihm die Zigarre an
und bring ihm noch ein Glas herbei
bei dieser Trübsal-Blaserei.
4.10.04
Das Schützenfest
Tschumm darassa bum!
Die Trommel - so ein Trumm!
Das Dorf marschiert heut auf
zum Wackersberg hinauf.
Musikkapelle spielt.
Die Schützengruppe zielt
mit Armbrust und Gewehren,
den Erbfeind abzuwehren.
Auch wenn das Echo kichert
ist unser Schuß entsichert.
Denn unsre Bergkulisse
kriegt heute keine Risse.
Wir tragen Lederhosn,
an Schnauzbart an der Nosn,
a Dirndlkleid die Mädl
mit Kranzerl aufn Schädl.
Am greana Haferlschua
a schwarze Schafwoll-Schnur.
De langa Zöpf, de hengand,
de weissn Schürzl stengand.
Die Wadlstrümpfe prall,
die Hosenträger drall.
Da Gamsbart aufm Huat.
A Unterrock mocht Muat.
Tschumm darassa bum!
Da geht der Teufel um.
Im Gleichschritt marsch voran.
Die Kompanie ist dran.
Gleich hinterm Jagdverein
da kommt der Jennerwein.
Und auf 'n Tanzbodn drobn
hat er sei Gspusi gschobn.
Die Faust herrscht hier im Lande,
verdeckt so manche Schande
und übt geheime Rache.
Die Burschn gehn zur Sache,
verdienen sich die Küsse.
Da krachen Böllerschüsse.
Der Fremde staunt nur stumm.
Tschumm darassa bum!
Die Wildschützen vom Gebirg
Der Altbürgermeister Kellner Kaspar erzählte mir von den alten Wilderern.
Während der Zeit des III.Reiches pachtete der Kreisleiter eine Jagd hier in
der Nähe. Er hatte einen Jagdaufseher, der das Wildern streng verfolgte. So
hat er einen alten Mann mit über 70 Jahren
aus dem Hinterhalt, von hinten erschossen.
3.10.89
Es gingen auch vier angesehene Jäger ins Nachbarrevier zum Wildern. Dort
stellte sie beim Gams-Abschuß der junge Jäger und forderte sie auf zum
Gewehre-Wegwerfen. Doch diese gaben nicht nach, so drückte der junge Jäger
ab. Darauf erwürgte ihn ein alter Jäger und sie verscharrten ihn gleich in
der Nähe. Ihren erschossenen Kameraden nahmen sie mit und machten daraus ein
Jagd-Unglück. Doch haben die Leute den jungen Jäger gefunden, der zur
gleichen Zeit abging. Darauf sperrte man diese drei Jäger einzeln ein bis
sie ausredeten.
3.10.89
Erkältung
Das kalte Wetter hört nicht auf,
so hab ich mich erkältet drauf.
Der Doktor sagt ich muß ins Bett,
gibt Pillen mir von A bis Zett.
Bei Rotzen, Zittern und Frieren,
da kann man den Glauben verlieren
vor lauter Keuchen und Fluchen.
Da muß ich den Altwirt aufsuchen!
Der Wirt sagt nur: "Dich hats erwischt"
und hat mir Enzian aufgetischt.
Die Rosi holt schon warmes Bier
und bringt es mit der Suppe mir.
Ganz warm ists beim Kamin herbei.
Der Doktor ist mir einerlei.
In diesem Krankenhaus erhol
ich mich mit Schnaps und Blumenkohl.
Dienstag, den 3.Oktober 1989
Der Sohn vom Herrn Bundespräsidenten Weizsäcker
saß mit seiner Familie im Wirtsgarten; habe ihm gesagt: "Einen schönen Gruß
an den Alten!"
Der Herr Präsident hat ein Haus in Wackersberg.
5.10.89
Wieder daheim:
Mein Herz schlägt nun besser, ich spür es genau.
Was hat denn in der Brust genagt?
Es war das Heimweh, das mich plagt.
Ich bin nun zuhause, - bei meiner Frau.
Es blieb wenig Zeit sogar in der Kur.
Gesundheit ist ein rares Gut,
vor allem wenn es regnen tut.
Du mußt in die Stube, sonst kränkelst du nur.
Wie wirds denn dem Walter, dem Kurgast, jetzt gehn?
Das sieht doch diesem Geizhals ähnlich,
sogar im Urlaub spart er dämlich.
Ich hört', er ist schlanker, ihm fehln Kilo 10.
Am häuslichen Herd da verweile ich gern.
Ich meide jeden Redeschwall
besonders dieses Rauchlokal.
Dem alten Stammtisch, dem bleibe ich fern.
10.10.89
Der Aufenthalt in Bad Tölz ist
eine Miniatur seines Lebens gewesen. Er fand Freunde in der Öffentlichkeit
und trugt selber viel bei zur Freude, zu den Festen und zum
Gedankenaustausch und überließ Frau und Familie sich selber. Er ertrotzte
sich Gemütlichkeit, ja Lasterhaftigkeit, bis er gesundheitlich dafür
bezahlen mußte. Der Abschied fiel ihm schwer, ein wenig resigniert fuhr er
heim.
Und ein viertel Jahr später mußte er sterben. An seinem Stammtisch, beim
Essen und Trinken. Und - parallel zu Bad Tölz - erfuhr er die Wahrheit über
seinen Gesundheitszustand, als er auf seine Anni vergeblich wartete. Die war
nämlich in Behandlung im Krankenhaus, wo er eigentlich hin gehört hätte,
wenn er folgsam gewesen wäre.
ZUM SCHLUSS
Herbst
Es grünen noch die Wiesen,
doch färbt sich leicht der Wald.
Die Stare ziehn nach Süden,
Es wird schon wieder kalt.
Schon kommen Nebelfäden.
Kein Mensch mehr auf der Bahn.
Doch hinter Fensterläden
gehn warme Lichter an.
8.8.1982
Allerheiligen
Als wie an einem Frühlingstag
ging heut die Sonne unter.
Doch neigt sich schon das Jahr zum Ende.
Beim Gräbergang zur Dämmerung
da stehn wir eng beisammen
und warten auf den Friedhof-Segen.
Der Weichbrunn trifft auf unser Haupt
und auf die Armen Seelen,
die toten Eltern und Geschwister.
Ein Tropfen rinnt herab am Stein,
der ihre Namen trägt
und der noch Platz läßt für den meinen.
1.11.89
Tage der Freiheit
Von Hitler lang geknechtet,
gerissen dann entzwei,
war unser Volk geächtet
für seine Barbarei.
Doch fielen jetzt die Schranken,
erlaubt von Gorbatscho.
Wir müssen Ungarn danken;
kein Zaun mehr irgendwo.
Geknüpft sind Friedensbänder,
die Freiheit hat Bestand.
Vereint sind nun die Länder,
im deutschen Vaterland.
12.9.89
Der Weihnachtstag in der Guggerille
Der Weihnachtstag war für uns wieder
Familienfest in froher Runde.
Den Engeln gleich kam das Gefieder
herab und war in aller Munde:
Bei Gänsebraten, Entenbraten,
Kaffee, Bier und edlem Wein,
so schmackhaft und so wohlgeraten,
da glückte das Beisammensein.
Am Abend dann im Kerzenschimmer
erklangen auch noch ein paar Lieder.
Die ganze große Schar der Kinder
erfreute sich des Christkinds wieder.
25.12.89
Ansprache bei der letzten
Gemeinderatssitzung
"Zur Weihnachtszeit halten wir die
letzte Sitzung gemütlich beim Silbereisen. Sechs Jahre habe ich zugebracht
beim Gemeinderat Aicha vorm Wald. Die Zeit ist so schnell vergangen im
Vergleich mit den 26 Jahren, die ich im Fürstensteiner Gemeinderat war. Dort
hat es mich viel Kraft gekostet. Und hier in Aicha hat mich die Liebe
bereichert. Ich war gerne bei Euch, in Eurer guten Gesellschaft. Und habe
wieder Mut bekommen. Mein Leben war so bestimmt, daß ich von Jugend an für
diese weite Gegend wirken sollte und ich tat es mit vollem Herzen.
Der Gemeinderat ist recht gut gemischt mit den Berufen, die es gibt und hat
viel geschafft in dieser Zeit
zur Freude für den ehrlichen Bürger. Drum soll es auch so weitergehen, daß
dieser schöne Ort vorwärts strebt zum Wohle der Allgemeinheit.
Recht frohe Weihnachten und ein erfolgreiches Neues Jahr, das wünsche ich
allen, die heute da sind."
14. Dezember 1989
Mein Platz in der Gemeinde
Von wo ich kam da bin ich wieder,
jetzt bin ich wieder ganz daheim.
Ich möchte nach den dreißig Jahren
ein Bürger unter andern sein.
Im Kreistag und im Landratsamt,
im niederbayrischen Bezirk
war ich so nach und nach vergessen,
hätt ich auch wunder was bewirkt.
Viel Wärme spür ich in der Nähe
und hab ein wohliges Gefühl.
Im weiten öffentlichen Raum
da ist es für den Mensch zu kühl.
Bei großen und berühmten Leuten
leicht ist die Ehrlichkeit verschwommen.
Drum reicht es für mein ganzes Leben,
wenn sie noch einmal zu mir kommen:
Wenn tritt die ganze Obrigkeit
dann auf nach Namen und nach Rang
und gibt mir noch ein groß Geleit
bei meinem allerletzten Gang.
18.3.78
Neujahr 1990
Das Jahr Neunzig hat heute begonnen
und Deutschland die Einheit gewonnen.
Die Welt ist im Aufbruch zum Frieden,
die feindlichen Kräfte versiegen.
Nur dann kann das Ganze gelingen,
wenn Länder in Ländern sich finden
und Schuld wir einander vergeben.
Oh daß wir das Glück noch erleben!
1.1.90
Bekenntnis
Immer noch kalte Nächte
vertieften den langen Schlaf,
der mich in dieser Länge
mit neuer Müdigkeit traf.
Mit schweren Träumen belastet,
gedrängt durch die Zeiten hin,
kann ich mich nicht befassen
mit dem was ich wirklich bin.
Der Tag wird für mich immer kürzer
in der geschäftigen Hast.
So schnell bin ich wieder müde;
mir werden die Füße zur Last.
Ich muß mich mit dem dann begnügen,
was ich noch fertig bring.
Und ich bin schon recht dankbar,
wenn ein Lied mir kommt in den Sinn.
Der Steinbruch war immer mein Leben
von frühester Jugend an.
So hoffe ich denn um Vergebung,
daß ich nicht aufhören kann.
Berge der Heimat, tief in den Spalten
Tragt ihr Granite wie Edelstein.
Euch will ich immer die Treue halten
Bis euer Stein einst kündet mein Sein.
13. April 1984
Papa starb am Aschermittwoch, den 28.Februar 1990, ganz plötzlich in der
Rantn, auf seinem Lieblingsplatz, mitten im Gespräch mit seinen Freunden.
Sie dachten, der Franzl ist wieder einmal im Sitzen eingeschlafen. Aber als
er nicht mehr atmete, riefen sie mich an. Wir legten ihn auf den Boden und
versuchten, ihn wiederzubeleben, ohne Erfolg. Mama lag zu dieser Zeit gerade
im Krankenhaus Fürstenzell wegen einer Knieoperation. Ich mußte ihr die
traurige Nachricht überbringen.
An seiner Beerdigung nahmen so viele Menschen teil, dass die Nammeringer
Kirche zu klein war. Es war ein sehr kalter Tag.
Das Poesiealbum
Lieber Enkelsohn!
Kleine Freuden und Gedanken,
Szenen, die vorüberziehn,
oft in Vergessenheit versanken.
Nimm die Feder, schreib sie hin
in ein Büchlein, das dich später,
wenn du 's wieder nimmst zur Hand,
wie die Blätter deiner Väter
an längst Vergangenes gemahnt.
Der Augenblick soll stehen bleiben,
sei auch der Anlaß noch so klein.
Und nicht zum Ruhme sollst du schreiben,
einzig zur Freude soll es sein.